büro vor ort

Bureau Giacometti

Sanierungsbegleitung an der Giacomettistrasse 2+4 in Bern 2022 - 2026

Im Sommer 2020 hat die Emil Merz AG die beiden Wohnhäuser an der Giacomettistrasse 2 und 4 mit insgesamt 87 Wohnungen erworben. Die Gebäudesubstanz der Liegenschaften war sanierungsbedürftig. Aufgrund des Zustands des Gebäude und neuer Angebotsbedürfnisse hat sich die Emil Merz AG im September 2020 zu einer Totalsanierung entschieden. Anstelle einer Leerkündigung beschloss der Eigentümer, die Sanierung sozialverträglich durchzuführen und den Mietenden nach den Umbauten eine Rückkehr in ihr Zuhause zu einem für sie tragbaren Mietzins zu ermöglichen. Dies war wichtig, weil die Bewohnenden der ganzen Strasse eng vernetzt und im Quartier sehr verankert sind. Für viele ist die Giacomettistrasse ihr jahrzehntelanges Zuhause. Somit entstand das Bureau Giacometti als Mieter*innenanlaufstelle während der Sanierung der beiden Liegenschaften. Seit Mitte 2020 begleitet es das Sanierungsvorhaben und übernimmt die Kommunikation im Prozess für das Planungsbüro und den Eigentümer.

 

Das Bureau Giacometti ist einmal wöchentlich im Erdgeschoss als Sprechstunde für die Mietenden zuständig. Es vereinbart regelmäßige Absprachen mit dem Eigentümer, den Planenden und arbeitet eng mit der Hausverwaltung zusammen. Es wird von den Bewohnenden rege genutzt und ist auch in der Nachbarschaft bekannt. So entsteht eine direkte Anlaufstelle, wohin sie sich mit ihren Unsicherheiten, Ängste und Anliegen wenden können und wo die Basis für eine gesunde, vertrauensvolle Nachbarschaft geschaffen wird.

 

Als Hauptpersonen des Wohnens werden die Mietenden durch das Bureau Giacometti kontinuierlich durch den Sanierungsprozess begleitet. Sie werden transparent über Entscheidungswege, zeitliche Abläufe und den Stand der Arbeiten informiert. Durch gezielte Kommunikationsformate wird der Dialog zwischen Bewohnenden, Bauherrschaft und Planungsteam gestärkt. Das bewusste gemeinsame Feiern von Meilensteinen während der Sanierung fördert den sozialen Austausch, schafft Identifikation mit dem Projekt und stärkt den Zusammenhalt innerhalb der Bewohner*innenschaft. Dadurch wird eine tragfähige Grundlage für eine langfristig funktionierende und lebendige Nachbarschaft gelegt.

 

Die Expertise der Bewohnenden wird gezielt genutzt, um gewünschte architektonische und technische Verbesserungen frühzeitig in die Sanierungsplanung zu integrieren. Die entsprechenden Bedürfnisse, Erfahrungen und Anregungen werden systematisch mittels Umfragen erfasst, ausgewertet und in gemeinsamen Sitzungen aufbereitet. In diesem Rahmen werden die Ergebnisse den Planenden übergeben und gemeinsam diskutiert, sodass sie als fundierte Grundlage für die weitere Planung dienen können.

 

Mittels verschiedener Beteiligungsformate wurde der Bestandesmieter*innenschaft während eines intensiven „Beteiligungsmonats“ bewusst Gestaltungsspielraum eingeräumt. In den Bereichen gemeinschaftlicher Nutzungen konnten die Bewohnenden eigene Vorstellungen entwickeln, Positionen formulieren und Schwerpunkte setzen. Durch Umfragen, Workshops und skizzenhafte Auseinandersetzungen wurde diese Mitverantwortung sichtbar gemacht und der Bewohner*innenschaft eine aktive Rolle im Prozess zugesprochen. Die Beteiligung zielte darauf ab, kollektive Entscheidungen zu ermöglichen und die Identifikation mit den gemeinsam entwickelten Lösungen nachhaltig zu stärken.

 

Durch die enge Zusammenarbeit mit verschiedenen sozialen Organisation im Quartier (soziale Quartierarbeit, Sozialberatung, Familienzentrum) entsteht die Möglichkeit zur Triage komplexer Situation mit professionelle Stellen. Ausserdem wird die Nachbarschaft mit einer stets aktualisierten Infotafel zur Sanierung auch in die Vorgänge und Veranstaltungen im Haus einbezogen. Unter anderem erhöhen diese Bemühungen die in einer Bauphase nötige Toleranz der Anwohnenden und machen das Projekt bekannt und beliebt, was die Vergabe der Wohnungen stark erleichtert.

 

Allen Mietenden der Giacomettistrasse 2 und 4 wurde während der Sanierung eine Übergangswohnung angeboten und später eine bedarfsgerechte Wohnung im neu sanierten Haus zugeteilt. Um die Bezahlbarkeit der frisch sanierten Wohnungen für die Mieter*innen sicherzustellen, wurde in diesem Projekt einkommensbasiertes Mietzinsmodell erstellt. Eine Mehrheit der Bestandsmietenden kann so weiterhin in den beiden Liegenschaften zuhause bleiben. Die übrigen Wohnungen konnten nahtlos nach der Sanierung wiederbesetzt werden, da viele Anwohner*innen sich über die Jahre vom Projekt erfahren haben und es grosses Interesse im Quartier für freigebliebene Wohnungen gab.

 

Die Stadt Bern hebt das Projekt Bureau Giacometti und die Sanierung der Giacomettistrasse 2 und 4 als Positivbeispiel für Sozialverträglichkeit hervor. Ebenso die Architekturzeitschrift hochparterre. Und auch für den Eigentümer Emil Merz AG ist das Projekt ein Erfolg: Die Begleitung des Umbaus und die direkte Kommunikation mit den Bewohner:innen vor Ort führte zu nahezu reibungslosen Abläufen auf der Baustelle, einer grossen Akzeptanz der Sanierung im Quartier, zu einer Minimierung von Beschwerden und zu stark reduzierten Mieter:innenwechseln.

Als nachhaltiges Ergebnis entsteht ein saniertes Wohnhaus, das die Bedürfnisse der Mieter:innen mit dem Planungsprozess, den Planenden und den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Besitzers in Einklang bringt.

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